Ein möglicher Standpunkt dazu

 

Erst mit dem aufklärerischen Gedanken, dass alle Menschen gleich sind, mussten die gleichen Menschen selbst eine gemeinsame Basis finden, auf der sie sich verständigen und ihre Interessen aushandeln konnten, sie mussten nach gemeinsamen Wahrheiten suchen. In einer autoritären Welt der Ungleichen war das nicht nötig, da bestimmte die Autorität was wahr ist.

 

Diese Basis schaffte die Wissenschaft, deren Grundidee das Beobachten und Beschreiben von etwas ist, das jeder anderer Mensch, wenn er die technischen Mittel zur Verfügung hat, unter gleichen Bedingungen ebenfalls beobachten kann, weil es um etwas geht, das außerhalb des einzelnen Individuums und unabhängig von dessen Interpretation existiert. Die Beschreibung kann nie vollständig sein und Schlüsse daraus sind immer vorläufig. Es ist der ganz besondere Reiz dieser Denkart, dass alles Behauptete überprüfbar sein muss. Jede Erkenntnis wird später weiter justiert und manche widerlegt. Wissenschaft beschäftigt sich zwar mit Wahrheiten, die unabhängig des einzelnen beobachtenden Menschen bestehen, aber sie behauptet niemals, die jeweils letzte Wahrheit zu etwas gefunden zu haben. Letzte Wahrheiten verkünden andere.

 

Und nur wer von Wissenschaft wenig versteht, wird sich mit ihr zur Selbstüberschätzung verleiten lassen. Ein tieferer Einblick, besonders in die Naturwissenschaften, führt eigentlich immer zu so etwas wie Demut oder Hochachtung gegenüber dem Objekt der Betrachtung. Je tiefer der Einblick in diese unglaublich komplexe und fantastische Welt ist, desto mehr wundert man sich und desto mehr bewundert man sie. 

 

Wir Menschen haben schlicht das große Privileg, über unsere Welt und unsere Position darin nachdenken zu können, und egal wo wir hinschauen, wenn wir genau hinschauen, übertrifft das, was wir sehen können, unsere Fantasie bei weitem. Wie schlicht und auf menschliche Kategorien reduziert wirken da doch die alten magischen Erklärungen. 

 

Und es kann wirklich erhebend sein, sich als Teil dieses fantastischen Ganzen zu verstehen. 

Naturwissenschaftliches Denken ist nur ein Teilgebiet der Philosophie und die Naturwissenschaft ist missverstanden und auch missbraucht worden. Aber jetzt wird sie vielleicht so stark in Frage gestellt, wie seit der Aufklärung nicht mehr - und mit ihr die Idee, über die Suche nach gemeinsamen Wahrheiten eine Basis der Kommunikation schaffen zu können, auf der wir Interessen aushandeln können. Ohne diese Basis aber hat jede Aussage dasselbe Wahrheitsgewicht und so lassen sich vollkommen ungeniert ganz offensichtliche Lügen verbreiten. Damit kommt dann auch leicht der Ruf nach Autoritäten zurück, die die „Wahrheit“ bestimmen. 

 

Zumal wissenschaftliches Denken eigentlich eine Zumutung für unser Hirn ist, das in einer Mischung aus Gefühl, Intuition und Instinkten nach subjektiv einigermaßen plausiblen Erklärungen sucht, aber gewiss nicht nach Wahrheiten. Vermutlich haben wir die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte entlang dieser sehr subjektiven Art zu denken gelebt. Es wäre schade, wenn wir dahin zurückkehren würden.

 

Wie sehen Sie das?