Ein möglicher Standpunkt dazu

 

Fast nichts von unseren Ansichten gründet auf echter rationaler und individueller Erkenntnis, fast alles bildet sich durch Übernahme der Vorstellungen der Mehrheit der Gruppe, in der wir uns befinden oder von Personen, denen wir besonders vertrauen. Experimente deuten darauf hin, dass wir selbst unter den Affen eine Art sind, die besonders blind der Mehrheit folgt, wenn diese nur geschlossen genug auftritt.

 

Und wir sind Kooperationstiere. Viel von unserem Verhalten dient primär der Unterstützung anderer in unserer Gruppe – was dann natürlich deutlich die Wahrscheinlichkeit erhöht, selbst unterstützt zu werden. Manchmal nennen wir das „Altruismus“.

 

Die westliche Kultur hat das Ideal des rational handelnden Individualisten hervorgebracht - dem man dann seinen Egoismus vorhält. Dabei sind wir gefühlsgesteuerte Rudeltiere, die ihr eigenes Wohlergehen vom Wohlergehen der Gruppe abhängig machen. Unsere Freiheit als aufgeklärte Individuen besteht eher darin, dass wir etwas leichter als früher die Gruppen wechseln können. Echter Individualismus ist eine Illusion. 

 

Das haben gerade die Verächter liberaler Demokratien offensichtlich besonders gut begriffen.

 

Je weniger wir uns innerhalb der eigenen Bezug-Gruppen über unseren natürlichen „Altruismus“ im Klaren sind, desto leichter kann der von den eigenen Gruppen zum Schaden fremder Gruppen missbraucht werden.

 

Und unsere Gruppenzugehörigkeiten sind (für) uns so essentiell, dass wir sie ständig durch Abgrenzung von anderen Gruppen stärken müssen - jeder von uns. 

 

Auch das wissen die Wegbereiter von Autokratien und Gottesstaaten besonders virtuos zu nutzen.

 

Aber natürlich ist unsere Natur eben nicht nur unsere instinktive Grundierung. Es gibt uns überhaupt nur noch, weil unsere (höchst komfortable) evolutionäre Nische unsere Fähigkeit ist, in vielfältigen Gruppen zusammenzuarbeiten, die um Größenordnungen komplexer sind als alle anderen im Tierreich. Deshalb können wir z.B. tausendmal besser sprechen als alle anderen Tiere. Und wir gehören inzwischen vielen Gruppen gleichzeitig an, wie z.B. der Familie, dem Freundes- und Kollegenkreis, Vereinen, Gleichgesinnten im Internet, Kultur- Sprach- und Religionsgemeinschaften.

 

Diese Gruppen sind auch noch so mit einander verflochten - und das inzwischen weltweit - dass eine scharfe Abgrenzung einzelner Gruppen nicht mehr funktionieren kann - zumindest nicht über längere Zeiträume - und schädlich ist für den Einzelnen in seinem Geflecht von Gruppen.

 

Deswegen ist auch die aggressive Ausgrenzung fremder Gruppen nicht einfach ein moralisches Problem, sondern von unserer Natur aus so unzeitgemäß, wie das Konzept des persönlichen Egoismus falsch ist.

 

Wir haben das alles durchaus ganz erstaunlich gut im Griff. Sonst würden nicht die meisten Menschen für die meiste Zeit ihres Lebens in Frieden leben können. 

 

Nur wenn wir uns als westliche Individualisten unserer massiven Gruppenorientierung nicht bewusst sind, kann man uns erschreckend einfach anhand unserer Instinkte manipulieren.

 

Wer sich daran erinnern will, wie leicht aus jeder zivilisierten Gruppe eine grausame Mörderbande werden kann, der muss sich nur bei Wikipedia einen Eintrag über ein beliebiges Massaker aus einem beliebigen Krieg herauspicken, um zu sehen, wie normal die meisten Täter vorher waren, wie bereitwillig sie mitgemacht haben und wie normal ihr Leben danach weiterging.

 

Das machen sich vermutlich auch die meisten Brandstifter nicht ganz klar.

 

Wie sehen Sie das?                                                                                                                                                home