Ein möglicher Standpunkt dazu

 

In Reaktion auf vergangene Zeiten der Gefühlsunterdrückung und der falsch verstandenen Wissenschaft ist das Glauben wieder stärker geworden als das Wissen und das Gefühl heiliger als die Erkenntnis. Das entspricht zwar vermutlich mehr unserer natürlichen Art zu denken, taugt aber wenig zur Klärung in einer Informationsgesellschaft, die den Überblick verloren hat und in einer Welt, in der verletzte Gefühle immer mehr zur Politik werden.

 

Von einer popularisierten Postmoderne, von religiösen Dogmatikern, von konservativen Romantikern, die sich nach etwas zurücksehnen, das es nie gab, wird Ratio als Grundlage der Erkenntnis und Basis für konstruktive Diskussionen in gruseliger Einigkeit relativiert. 

 

Die Evolution hat keine Ziele und unser bisschen Ratio hat sich vermutlich nur durchgesetzt, weil damit ein ansonsten eher schwaches Tier ungeheuer komplexe Gruppen bilden konnte und damit stärker wurde als alle anderen Tiere. Aber nun ist sie einmal da, diese Fähigkeit zu Ansätzen von logischem, rationalen Denken, zum genauen Beobachten, Überprüfen und Vergleichen auf eine Weise, die uns Schlüsse für die Zukunft und entsprechendes Handeln erlaubt - und sie bestimmt täglich unser Überleben. 

 

Diese Ratio ist vielleicht nicht besonders ausgeprägt, aber sie macht uns aus, sie ist vollkommen natürlich. Jede Kultur weiß das. Sie mit der Säkularisierung oder der Übermacht der westlichen Kultur zu verbinden und deshalb zu relativieren, ist schlicht absurd. Und kein Gott hätte die Menschen je mit Vernunft ausgestattet, wenn sie diese nicht benutzen sollten, ja geradezu benutzen müssten. Nur weil es zur Vernunft gehört, alles zu hinterfragen und Ahnungen und Bauchgefühle das weniger tun, liegen diese doch nicht richtiger. 

 

Natürlich ist Vernunft auch nicht das Gegenteil von Gefühl und wir denken wohl eher in einem wilden Mix aus Glauben, Fühlen und rationalen Herleitungen, und vermutlich denken wir ohnehin nur, weil es uns positive Gefühle der Erkenntnis oder der Problemlösung vermitteln kann. Und man täuscht sich natürlich auch nicht im Grad seiner Gefühle, sondern in den Gründen dafür.

 

Psychologisch ist es vollkommen richtig, jedes Gefühl eines anderen Menschen ernst zu nehmen, weil wir nicht wissen können, wo es her kommt und wie tief es sitzt - und der Respekt vor dem Menschen gebietet das sowieso. Aber bei den eigenen Gefühlen können wir sehr wohl abwägen, wie relevant sie wirklich sind, und das Subjektivste, was wir haben, taugt eben wenig, um damit objektiv Forderungen und Ansprüche zu begründen. Aber nicht nur die Populisten machen das ständig.

 

Natürlich zählt in alltäglichen Diskussionen das Bauchgefühl mehr als das sachliche Argument und starke Emotionen bringen mehr als strukturierte Herleitung – so funktioniert Kommunikation eben  bei der es aber auch meist eher ums Überwältigen als ums Überzeugen geht.

 

Und meist wird ja die Faktenlage zu einem Thema immer komplizierter, je genauer man hinschaut. Da sind gefühlte einfache Wahrheiten schon wohlige Lösungen, (zumal in einer Zeit, in der persönliche Gefühle ganze Religionen ersetzten) - nur helfen sie auf Dauer nicht.

 

Wie sehen Sie das?                                                                                                                                                home