Ein möglicher Standpunkt dazu

 

Überlegung darüber, ob Menschenrechte eher Ausdruck einer Kultur oder der Natur des Menschen sind kann man natürlich auch mit dem Argument abkürzen, dass Kultur ja selbst der essentielle Ausdruck der Natur des Menschseins ist. Dann bliebe aber immer noch die Frage, ob Menschenrechte dann zufällige, willkürliche Übereinkünfte von Kulturgemeinschaften sind, oder ob sie auf Erkenntnissen beruhen, zu denen Kulturen durch die Beobachtung des Menschseins kommen. Und sind es dann Rechte, die von einem Souverän gewährt werden, oder Rechte, die wir als Mensch durch unser Menschsein einfach haben? Wenn sie gewährt werden, wie können sie dann unverbrüchlich und universell sein? Ein Souverän, der sie gewährt, hätte auch das Recht, sie wieder zu nehmen. 

 

Erkenntnis?

 

Menschen sind die meiste Zeit ihres Lebens auf andere Menschen angewiesen. Der entscheidende evolutionäre Vorteil gegenüber allen anderen Tieren ist das extrem komplexe Hirn, das sich parallel mit immer komplexeren Sozialstrukturen entwickelt hat. Deshalb ist z.B. auch die Sprache der Menschen extrem viel komplexer als die aller anderen Tiere. In diesem Sinne sind Menschen sicher die extremsten Gruppentiere der Erde und Funktionsprinzipien des Lebens in Gruppen sind ein ganz essentieller Teil unserer Natur. 

 

Die ursprüngliche Affenhorde, von der wir abstammen, bestand vermutlich, wie vergleichbare Affenhorden, aus Gruppen von maximal etwas über 100 Individuen. Gruppen dieser Größe können sich durch persönliches Abgleichen von Interessen der Individuen untereinander regulieren. Spätestens seitdem sie sesshaft geworden sind, macht es die Menschen aber aus, sich auch in wesentlich größeren Gruppen zu organisieren, bei denen nicht mehr jedes Individuum so in Kontakt mit allen andern steht, dass es ein unmittelbar wirksames persönliches Interesse an Kooperation hätte.

 

Diese größeren Gruppen organisieren sich mit Hilfe von Regeln, Mythen, Religionen und Gesetzen. Sich Ordnungen zu geben ist also ein zentraler Teil der Natur der Menschen. Die Ordnungen selbst können aber sehr weit von den natürlichen Bedürfnissen entfernt sein, weil sie stark von den Machtverhältnissen zum Zeitpunkt ihrer Formulierung abhängig sind. Deshalb ist es auch geradezu absurd, sich mit ganzen Rechtssystemen auf die Natur des Menschen zu berufen, was ja z.B. Diktatoren gerne tun. 

 

Aber die fundamentalsten Erkenntnisse über die Funktionsweisen des menschlichen Zusammenlebens könnten durchaus auf kulturübergreifenden Erkenntnissen und Verständnis über die Natur des Menschen beruhen. 

 

Und die Natur des Menschen besteht auch aus biologischer Sicht keineswegs nur aus „egoistischen“ Genen, die danach trachten, vermehrt zu werden, sondern auch aus Individuen, die, wie jeder Organismus, jederzeit danach streben, optimal in ihrer Umwelt zurecht zu kommen - beim extremen Gruppentier Mensch bedeutet das vor allem, sich mit vielen anderen Menschen.

 

Auch gilt in diesen Gruppen nicht das „Recht des Stärkeren“. Darwin hat vom „Überleben der Fittesten“ gesprochen. Die Fittesten sind die, die sich am besten an ihre Umwelt anpassen können und die Umwelt des Menschen besteht vor allem aus anderen Menschen. Menschen sind nie wirklich Einzelwesen in einer Konkurrenzwelt, sondern Gruppenwesen in einer (natürlich nicht per se friedlichen) Kooperationswelt.

 

Gnade?

 

Neben der Erkenntnis, dass es den Menschen ausmacht, in komplexen Verhältnissen zu anderen Menschen zu leben, die er regeln muss und nicht alleine regeln kann, kann man feststellen, dass es unmöglich ist, den Wert eines Menschen zufriedenstellend zu bestimmen, so lange man selbst Teil des Systems ist - nämlich der Menschheit. Außerdem kann man unmöglich die gesamte Vergangenheit und erst recht nicht die Zukunft eines Menschen kennen. Deshalb muss man (durchaus manchmal gegen die eigene Intuition) jedem Menschen den gleichen Wert zubilligen. Und erst recht kann man, eben als Teil des Systems, unmöglich sauber begründen, warum Menschen einen unterschiedlichen Wert haben sollten, je nachdem, wo und wie und als was sie geboren wurden. Wenn man Menschen aber keinen unterschiedlichen Wert geben kann, sind auch unterschiedliche Rechte schwer zu begründen.

 

Dann sind Menschenrechte auch keine Rechte, die Menschen von anderen höherinstanzlichen Menschen zugesprochen – oder abgesprochen – werden können. 

 

Wie sehen Sie das?