Ein möglicher Standpunkt dazu

 

Jeder glaubt

 

Das menschliche Denken scheint eher geleitet von Versuchen, einigermaßen rationale Argumente für emotionale oder instinktive Vorstellungen zu finden als von klaren Erkenntnissen. Wir denken extrem selten wirklich ergebnisoffen, sondern meist eher mit dem Ziel, Meinungen zu begründen, die sich in uns schon vorher gebildet haben. Und diese Meinungen und Ansichten sind eher biografisch und charakterlich begründet als rational. 

 

Nicht die Ratio ist unser großer evolutionärer Vorteil, sondern unsere Fähigkeit zu einer extrem komplexen Kooperation in großen Gruppen mit Hilfe einer Art von Bewusstsein von uns selbst, das aber auch eher gefühlt als gedacht ist. Für unsere Kommunikation und den gemeinsamen Erkenntnisgewinn wäre es zwar sicher wünschenswert, eine gemeinsame rationale Basis zu haben, aber meistens reicht schon deren Illusion, um irgendwie zurecht zu kommen.

 

Was wir meinen, aber nicht rational erdacht haben, das glauben wir. 

 

Jeder glaubt anders 

 

.. und etwas Anderes. Einfach weil er oder sie eine individuelle Art zu Denken und zu Fühlen hat und individuelle persönliche Erkenntnisse und Erlebnisse, auf die es sich bezieht. Selbst einzelne Worte, vor allem abstrakte, haben für jeden Menschen eine etwas unterschiedliche Bedeutung. 

 

Die Texte und Überlieferungen der Religionen sind so voller unterschiedlicher Bilder aus fernen Kulturen, dass sich jeder, ob er sich für religiös hält oder nicht, das herausgreift, was er versteht und für sich interpretieren kann, sich Glaubensansätze aus jüngeren Zeiten und Weltanschauungen hinzunimmt und alles höchst individuell mixt, auch wenn er ein festes Bekenntnis hat.

 

Das ist nicht ein beliebiger und billiger „Supermarkt der Weltanschauungen“, den Dogmatiker so sehr verachten, sondern Ausdruck des Individuums mit seiner biografisch und genetisch begründeten individuellen Art zu Denken und zu Fühlen. 

 

Es wird vermutlich keine zwei noch so streng dogmatische Gläubige geben, die exakt dieselbe Vorstellung von Gott haben und keine zwei noch so überzeugten Atheisten, die die gleiche Vorstellung von dem haben, was sie nicht glauben. 

 

Die Variationsbreite im Glauben zwischen den Individuen einer Religion oder Weltanschauung sind sicher weit größer als die Unterschiede der Glaubenssätze zwischen den Religionen oder Weltanschauungen. 

 

So erscheint dann auch die Grenze zwischen Glauben und nicht-Glauben ziemlich willkürlich.

 

Aggressiv verteidigen muss man seinen Glauben oder nicht-Glauben doch nur, wenn man sich seiner Sache und sich selbst so unsicher ist, dass man Angst vor anderen Ideen hat.

 

Ansonsten lässt sich doch herrlich darüber reden.

 

Wie sehen Sie das?                                                                                                                                                home

 

Mohamed hat gesagt: „Die Wege zu Gott sind so zahlreich wie die Atemzüge eines Menschen“ Das könnte man vielleicht noch ergänzen um: und die Wege zu allen anderen persönlichen Weltanschauungen auch.